RWE trennt sich von seiner Müllsparte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: GSA - Gesellschaft zur Förderung wissenschaftlicher Studien zur Arbeiterbewegung e.V.   

Die Nr. 2 im deutschen Müllmarkt übernimmt die Nr. 1

Am 17. September 2004 gab RWE, die Nr. 1 im deutschen Müllgeschäft, die Veräußerung der RWE Umwelt an das Unternehmen Rethmann AG & Co. KG bekannt, in Deutschland die Nr. 2. Die Übernahme beschränkt sich zunächst auf 70 Prozent. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt, doch gab RWE bekannt: "Durch die Veräußerung aller Umweltaktivitäten wird sich die Nettoverschuldung des Konzerns um rund 0,4 Mrd. Euro verringern." Der gesamte Unternehmenswert einschließlich der verkauften Auslandsbeteiligungen belief sich auf 1 Mrd. Euro. (www.rwe.com 12.10.04)

RWE Umwelt hatte im Jahr 2003 ca. 11.000 Beschäftigte bei einem Umsatz von rund 1,9 Mrd. Euro. Rethmann kam im Jahr 2002 auf 698 Millionen Euro bei 7.677 Beschäftigten. Es entsteht das mit Abstand größte Unternehmen auf diesem Gebiet in Deutschland.

Allerdings spielt Rethmann im Vergleich zu RWE sozusagen in der Regionalliga. RWE lag im Jahr 2003 mit einem Umsatz von 48,4 Mrd. US-Dollar und 127.028 Beschäftigten auf Platz 66 der 500 größten Unternehmen der Welt. (Fortune-Liste Global 500) Es handelt sich also um eins der führenden internationalen Übermonopole. Das hat Auswirkungen darauf, das Kryo-Recycling-Verfahren durchzukämpfen, weil Rethman ein wesentlich schwächerer Gegner ist als RWE - wobei dieser auch nicht unterschätzt werden darf.

Der Hauptgrund für diesen Schritt von RWE ist die Konzentration auf seine Kernaktivitäten Strom, Gas und Wasser und die in diesem Verbund steckenden "Synergieeffekte". Ein weiterer Grund sind Entwicklungen auf dem Müllmarkt, die diesen in den Augen von RWE als zu wenig lukrativ erscheinen lassen.

Als Begründung gibt RWE selber an: "Die Trennung von der Umweltsparte erfolgt im Zuge der Fokussierung der RWE auf die Kerngeschäftsfelder Strom, Gas und Wasser." (www.rwe.com 12.10.04) Sie wurde schon im Februar diesen Jahres angekündigt. Wurde RWE Umwelt im Geschäftsbericht 2003 Anfang Februar 2004 noch zu den Kernaktivitäten gezählt, so steht es heute auf der Homepage in einem Schaubild über die Konzernstruktur unter "Nichtkerngeschäft" ganz am Rande.

Dazu passt die in diesem Jahr erfolgte Veräußerung der Mehrheit von Hochtief, einem der führenden und am stärksten internationalisierten Bauunternehmen der Welt, an einen internationalen Aktionärskreis, ebenso wie die von Heidelberger Druck, einem der am Weltmarkt führenden Druckmaschinenhersteller. Das wurde begünstigt durch die wieder gestiegenen Börsenkurse. Ebenso hat sich RWE im September 2003 vom US-Steinkohle- und Gasproduzenten Consol und seinen gesamten Energieaktivitäten in den USA getrennt. Geblieben sind die Wasseraktivitäten in den USA. Ansonsten konzentriert sich RWE auf Europa.

Zum 1. Oktober 2003 startete RWE mit seiner neuen Konzernstruktur. Dazu heißt es im Geschäftsbericht 2003: "Im Vordergrund der neuen Struktur steht die Umsetzung der Multi-Utility-Strategie durch die Zusammenführung der Strom-, Gas- und Wasseraktivitäten auf regionaler Basis. Dadurch erhöhen sich Kundenorientierung und Effizienz. Die Anzahl der RWE-Führungsgesellschaften sinkt von 13 auf sieben." Die neue Konzernstruktur zielt darauf ab, in Europa eine marktbeherrschende Stellung aufzubauen, um Maximalprofite zu verwirklichen.

Den Sinn seiner Strategie erläutert RWE in seinem Geschäftsbericht 2003: "Geographisch weit auseinander liegende Aktivitäten bieten wenig Synergien. Deshalb gilt es, sich auf ausgewählte Regionen zu fokussieren und hier Volumenvorteile zu nutzen." Diese "Region" ist für RWE ganz Europa. "Synergie" bedeutet, dass die internationale Konzentration Möglichkeiten eröffnet, eine Führungsposition in der Produktivität zu erringen, d.h. die Produktion von Strom, Gas und Wasser wird billiger und braucht weniger Arbeitskräfte, wobei die Preise aber langfristig nicht gesenkt, sondern erhöht werden, um Monopolpreise durchzusetzen.

"Multi-utility" kann man auf deutsch einfach ausdrücken als "Alles aus einer Hand". "Wer bei den drei Produkten Strom, Gas und Wasser mit nur einer Organisation operiert, hat einen erheblichen Kostenvorsprung. Zudem fragen immer mehr Stadtwerke nach der individuellen Bündelung von Strom-, Gas- und Wasserdienstleistungen. In Großbritannien wird auch der Endkunde bereits immer häufiger komplett mit Strom und Gas beliefert." (RWE Geschäftsbericht 2003)

Um eine marktbeherrschende Stellung zu erringen, hat RWE Milliarden in den Kauf neuer Unternehmen gesteckt und sich dadurch hoch verschuldet:

  • Im Jahr 2000 Kauf von Thames Water in Großbritannien für 6,3 Mrd. US-Dollar
  • Im Jahr 2002 Kauf von Innogy in Großbritannien, dem zweitgrößten Strom- und drittgrößten Gasanbieter des Landes, für 5,1 Mrd. €
  • Erwerb von Transgas in Tschechien im Jahr 2002 für 4,1 Mrd. € usw.

Insgesamt hat RWE allein im Jahr 2002 12,9 Mrd. € für Übernahmen ausgegeben.

RWE bereitet die Trennung vom Müllgeschäft vor

Das Abfallgeschäft ist schwieriger geworden. Norbert Rethmann führte auf der IFAT 2002 in München - der Internationalen Fachmesse Wasser-Abwasser-Abfall-Recycling und der bedeutendsten Veranstaltung ihrer Art auf der Welt - in seiner Rede aus: "Mit dem Begriff ‚Goldgräberstimmung‘ wurden noch vor einigen Jahren Markterwartungen beschrieben. Doch auf dem deutschen Entsorgungsmarkt ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt, die Boomphase der Entsorgungswirtschaft in Deutschland ist vorbei." (www.ifat.de/Presse/rede_rethmann.htm 07.08.03) Im Geschäftsjahr 2002 hatte RWE seine Beteiligung an der Trienekens AG noch von 50% auf 100% aufgestockt - für 534 Millionen Euro.

Doch in der Folge wurde die Konzernstrategie geändert. Das kam nicht von einem Tag auf den anderen. Im Geschäftsbericht 2003 heißt es zur RWE Umwelt bereits: "Der Bereich war wegen nur geringer Synergiepotenziale nicht Teil der Reorganisation."

Davor wurde ein Programm eingeleitet, die Profite im Umweltbereich zu steigern: "In einem derzeit schwierigen Markt- und Wettbewerbsumfeld und angesichts der damit einhergehenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat RWE Umwelt ein umfassendes Neuausrichtungsprogramm zur Stärkung der Wettbewerbsposition eingeleitet." In dem Zuge wurden mehr als 50 Tochter- und Beteiligungsunternehmen mit einem Umsatzvolumen von insgesamt rund 200 Millionen Euro verkauft, darunter auch zahlreiche ausländische Beteiligungen. Die Investitionen wurden drastisch eingeschränkt.

Ein Zusammenhang besteht auch zu verschiedenen Regulierungsmaßnahmen im Müllgeschäft auf nationaler und EU-Ebene. (Vgl. EU-Deponierichtlinie, EU-Verbrennungsrichtlinie sowie die EU-Abfallverbringungsrichtlinien, Untersuchung von GSA vom 8.8.03)

Auf Druck des Bundeskartellamts wird das Duale System Deutschland (DSD) umstrukturiert. Durch den Börsengang sollen bisherige Großunternehmen (Handels- und Industriekonzerne) aus dem Aktionärskreis des DSD ausscheiden. Das DSD als Monopol sammelt den mit dem "Grünen Punkt" versehenen Verpackungsmüll, im vorigen Jahr 4,9 Millionen Tonnen, und entscheidet über die Aufträge an mehr als 400 Firmen zur Verwertung. Der Jahresumsatz lag bei 1,7 Mrd. Euro. Der Druck des Bundeskartellamts soll jetzt zu sinkenden Preisen führen: "Nachdem der DSD erstmalig 2003 auf Druck der Behörde eine ‚transparente und diskriminierungsfreie‘ Vergabe der Leistungsverträge ausgeschrieben habe, sei nun mit sinkenden Preisen zu rechnen. 2005 würden die Kosten im Vergleich zu den bis 2003 gezahlten Preisen um rund 200 Mio. Euro gesenkt, eine Reduzierung um mehr als 20 Prozent." ("Die Welt" vom 13.10.04)

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